Die Aufarbeitung der Worpsweder NS-Geschichte hat begonnen - und sie soll nicht im Sande verlaufen!

Vor gut zwei Jahren hatten wir auf unserer Website den Umgang Worpswedes mit seiner Geschichte während der Zeit des sog. "Nationalsozialismus" kritisiert. Wir forderten u.a., dass die skandalösen Texte der Chronologie des Ortes in der Tourist-Information, die erst nachträglilch in die "Lücke" eingefügt wurden und die Jahre 1933-1945 darstellen, redigiert werden sollten.

Was hat sich seit dem getan?

Der Rosa-Abraham-Platz wurde im September 2013 eingeweiht und ein Symposium zur NS-Geschichte Worpswedes wurde am 15.11.2014 veranstaltet. Das war ein mutiger Anfang! - Doch wie geht es weiter? Eine Arbeitsgruppe sei einberufen worden, deren Zusammensetzung nicht bekannt ist, die sich mit dem Thema beschäftige und die anscheinend das Licht der Öffentlichkeit scheut, da ihre Treffen nicht öffentlich stattfinden. Ob dies das angebrachte demokratische Werkzeug einer authentischen Vergangenheitsbewältigung darstellt, kann zumindest bezweifelt werden. Über die Ergebnisse dieser Zusammenkünfte sind wir sehr gespannt.

Nach wie vor hängen die von uns kritisierten Texte der Worpsweder-Chronologie in der Tourist-Information aus und begrüßen mit ihrem zweifelhaften Inhalt unsere Gäste. Nach wie vor sind auch die Bücher des Historikers Ferdinand Krogmann geächtet, obwohl ihr Inhalt mittlerweile durch Anning Lehmensieks Buch "Juden in Worpswede" (erschienen 2014) bekräftigt wurde: Seine Bücher haben leider bis heute nicht den Weg in das Verkaufsbücherregal der Tourist-Information gefunden. Dies zeigt nach wie vor wenig Verantwortungsbewusstsein und kritischen Umgang der Verantwortlichen mit ihrer Dorfgeschichte!

Aus diesem Grunde veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Rezension über Krogmann's Buch "Worpswede im Dritten Reich  1933-1945", die bei amazon.de publiziert wurde.

An die nachhaltige Aufarbeitung der Worpsweder NS-Geschichte soll hiermit nachdrücklich gemahnt werden!

 

- Am Ende dieser Seite haben Sie die Möglichkeit, die Kommentarfunktion zu nutzen. Wir möchten damit eine breite und öffentliche Diskussion für die Aufarbeitung der Worpsweder NS-Geschichte anregen. Kommentare und Meinungen sind willkommen! -

 

Das Buch eines Wahrheitssuchers

- Amazon-Rezension über das Buch von Ferdinand Krogmann "Worpswede im Dritten Reich 1933-1945" vom 20.10.2014 von Andreas Rico Schweter -

Der Historiker Ferdinand Krogmann seziert mit seinem Buch über den deutschen Faschismus - am Fallbeispiel des "Künstlerdorfes" Worpswede - den Alltag des Ortes und seiner Bewohner in der Zeit des sog. "Nationalsozialismus". Er macht für uns sichtbar, was heute in seiner Kontinuität noch immer lebendig ist und nach wie vor kulturell-gesellschaftliches Handeln beeinflusst - 70 Jahre danach.
Als Wahrheitssucher analysierte der Autor viel Quellenmaterial und beschreibt fokussiert und detailreich das Antlitz jener Zeit. Beim Lesen wird offenbar, mit welcher Begeisterung und übergroßen Zustimmung - bereits vor 1933 (!) - die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Sehnsucht eines "erwachenden Deutschlands" in sich trug und die Machtübernahme der nationalen Kräfte ersehnten. Viele Deutsche waren willig, ihre noch junge demokratische Republik für das nationalsozialistische Führerprinzip aufzugeben.
Krogmann verdeutlicht, was hier im Ort heute kaum jemand mehr wahrhaben möchte: der Künstlerort war bereits viele Jahre vor 1933 durchdrungen von demokratiefeindlicher deutsch-nationaler Gesinnung, begrüßte mehrheitlich den Wahlerfolg der Faschisten und biederte sich bei den NSDAP-Machthabern für die Übernahme einer besonderen Rolle im "3. Deutschen Reich" an: es sollte das Zentrum der niederdeutschen (= arischen) Kunst in Großdeutschland werden; mit einem monumentalen Museumsbau wollte man diesen Anspruch schließlich zementieren: ein nationalsozialistisches Musterdorf für "niederdeutsche Leid-Kultur" sollte hier entstehen.
Der Historiker hat mit seinem Buch den längst überfälligen Prozess des kritischen Aufarbeitens der Dorfgeschichte angestoßen, der in Worpswede leider überhaupt nicht willkommen ist: Ideologiefragmente einer 13-jährigem NS-Programmierung haben viele Köpfe nicht verlassen; Nachfahren faschistischer Aktivisten, die eine familien-kritische Selbstreflektion scheuen, besetzen in der Gegenwart wichtige Funktionen im kulturell-politischen Bereich.
Als Worpsweder Bürger danke ich ihm herzlich für seinen Mut und Standhaftigkeit.

Als der Autor 1999 nach Worpswede kam und anfing, sich mit der Geschichte des Ortes zu beschäftigten, stieß er mit seinem lokalen Interesse für die Zeit des deutschen Faschismus auf wenig Resonanz: Nach 1945 hatten es sich die Worpsweder Honoratioren aus Kultur und Politik, die sich während der NS-Zeit begeistert in der SA, NSDAP bzw. nationalsozialistischen Organisationen aktiv engagiert hatten, bequem gemacht und lebten als "gute" Demokraten bzw. flüchteten in den vermeintlich unpolitischen Kulturbetrieb, so als hätte es ihre tragende Beteiligung am nationalsozialistischen Führerstaat nie gegeben, der schließlich im totalen Krieg, unsäglichem Leid der Menschen in Europa, der bedingungslosen Kapitulation und mehr als 50.000.000 Opfern endete.
Die anschließend von den alliierten Besatzungsmächten verordnete "Re-Education" war ein Versuch der demokratischen Umerziehung der Deutschen: zusammen mit dem Prozess der Entnazifizierung sollte der "Nationalsozialismus" nachhaltig überwunden werden, geriet aber in der fortschreitenden Realisierung zur Farce. Auch im Kreis Osterholz-Scharmbeck (der Kreisstadt Worpswedes) geschah etwas Unerhörtes: zum Vorsitzenden der Kommission wurde der NS-Schriftsteller Waldemar Augustiny (man darf ihn wohl nach Krogmanns Monografie "Schöngeist unter dem Hakenkreuz", 2005, so bezeichnen) bestellt. Die Beschaffung von "Persilscheinen" zur persönlichen Entlastung, bei deren Vergabe auch Augustiny behilflich war, geriet damals zum "völkischen" Sport, wobei eine signifikante Häufung von "Reine-Mach-Briefen" bei besonders belasteten NS-Aktivisten auftrat.
Auch in Worpswede wurden Nazis als "entlastet" bzw. "minder entlastet" - und damit als verantwortungs-lose "Mitläufer" - eingestuft. So durften all jene, die das faschistische System voller Überzeugung getragen und auch aktiv gefördert hatten, offiziell ehrbare bundesrepublikanische Mitbürger werden, sich an der Bildung eines demokratischen Nachkriegs-Deutschland gestaltend beteiligen und eine neue (alte) ehrbare Existenz aufbauen bzw. an ihrem politisch/kulturell engagierten Leben anknüpfen, indem sie wieder (Meinungs-)Träger der Gesellschaft und Stützen des Staates wurden. Nur so ist nachvollziehbar, dass ... dem überzeugten Nationalsozialisten und Maler Mackensen 1952 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, ... der Worpsweder Schriftsteller Hausmann bereits 1945 zum Chefredakteur des Kulturbereichs des Bremer Weserkuriers ernannt wurde und auch 1958 das Bundesverdienstkreuz erhielt, ... nach dem Schriftsteller und SS-Unterstützer Wilhelm Scharrelmann ein Straßenzug im Ort benannt wurde, ... der überzeugte NS-Anhänger Walter Bertelsmann (alle Familienmitglieder waren eifrige NSDAP-Mitglieder!) 1957 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam (auch eine Straße trägt seinen Namen), ... SA-Männer und NSDAP-Funktionäre politisch im Ort als Bürgermeister bzw. im Landkreis als Landrat nach 1945 Karriere machten, ... es noch viele, viele andere Beispiele im Ort gibt!

Wer von den Worpsweder Honoratioren bzw. deren Nachfahren hat sich jemals selbstkritisch zu seinem NS-Aktivismus geäußert, seine Reue ehrlich zum Ausdruck gebracht und sich bei den Opfern emphatisch entschuldigt?
Die "heile" Welt hätte eigentlich im sog. "Künstlerdorf" heute noch fortbestehen sollen, da ja angeblich die faschistische Dorfgeschichte allumfassend behandelt worden sei, gäbe es da nicht Menschen, denen es ob des schönen Scheins unwohl wird.

Krogmann kurierte sein Unbehagen, indem er sich auf das deutsch-nationale Worpswede - auch bereits vor 1933 - konzentrierte, und ihm gelingt mit seiner umfangreichen Materialsammlung der Einblick in eine Zeit demokratiefeindlicher Begeisterung und krankhaftem Nationalwahns, in der das Führerprinzip bis in das kleinste Vereinswesen - teilweise auch bereits weit vor 1933 (z.B. im Schützenverein) - vorbildlich gelebt wurde. Er macht damit nachvollziehbarer, wie das faschistische System sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens einnahm und bis in die Familie hinein wirken konnte.
Dem Historiker gelingt es, das "deutsche Erwachen" mit seinem Führerkult in einer Detailfülle darzustellen, die präventiv alle Leugner Lügen strafen soll.
In seinem wichtigen Geschichtsbuch wird der Machtwechsel hin zum alltäglichen deutschen Faschismus deutlich: 1933 kamen keine "braunen Männchen" aus fernen Galaxien auf unseren Planeten gelandet - mit der Inkarnation des Bösen an ihrer Spitze! Die Nazis bildeten sich aus unserer Mitte und sie wurden von allen Bevölkerungsschichten - auf dem Lande außerordentlich stark von den Bauern - getragen!
Der Historiker beweist eindeutig, dass Worpswede eine deutsch-nationale Hochburg war: Das Wahlergebnis sprach für sich: 66,35 % wählten hier die Demokratie ab (NSADP + DVNP = absolute Mehrheit!) - der Reichsdurchschnitt lag bei 51,9%! Im Worpsweder Abstimmungsbereich Waakhausen erreichte die Koalition für das erwachende Deutschland sogar 82,46%!
Wer da von "Machtergreifung" spricht, macht sich zum Sprachrohr der Faschisten: Der Begriff wurde von den "Nationalsozialisten" selbst in Szene gesetzt. Die demokratische Staatsmacht wurde den deutschen Faschisten ausgehändigt, da sie die Mehrheit einer demokratischen Wahl erreicht hatten. Was sie danach mit dem Deutschen Reichstag anzustellen gedachten, hatten die Nazis zuvor hinreichend kundgetan.

Der Historiker wird für seine umfangreichen Recherchen im Archiv der lokalen "Wümmezeitung", die heute dem Bremer Weserkurier-Verbund angehört, dadurch belohnt, dass es ihm gelingt zu belegen, welch wichtige Rolle die ländliche Presse bereits Jahre vor 1933 für den Machtwechsel spielte. Krogmann stellt damit das gern verwendete Rechtfertigungsparadigma der "Gleichschaltung", hier: der Medien, in Frage und resümiert schließlich: eine "Gleichschaltung" ab 1933 - in dem Sinne, wie es uns im Geschichtsunterricht und den Rechtfertigungswiederholungssätzen präsentiert wird - ist so stringent nicht abgelaufen! Bereits weit vor dem demokratischen Wahlentscheid für die Faschisten am 5. März 1933 hatte die Wümmezeitung überzeugt deutschnational geschrieben; Jahre vor der sog. Gleichschaltung der Medien, war die Worpsweder Lokalzeitung bereits in nationalsozialistischer Spur, berichtete einseitig und verhalf den deutschen Faschisten zur Niederringung der Demokratie. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse in Krogmanns Buch für das Geschichtsverständnis um die Anfänge der NS-Zeit. Diese "vorgelagerte" Gleichschaltung kann auf den Großteil der ländlichen Presse angewendet werden. Damit erhalten Krogmanns spezifische Erkenntnisse allgemeinen Charakter für das Verständnis deutscher Geschichte!
Dieselbe Zeitung, die heute gegenüber den historischen Forschungen Krogmanns gerne mal den Ankläger spielt und seine Recherchen als unausgewogen darstellt, da z.B. der Worpsweder Widerstand nicht bzw. ungenügend beachtet worden sei, hat erheblichen Nachholbedarf bei der kritischen Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte! Für das Leid, das ihre braun gefärbte Berichterstattung weit vor 1933 und während des 3. Reiches Andersdenkenden bzw. Gläubigen brachte, hat sie sich meines Wissens bis heute noch nicht entschuldigt! Das sollten ihre Journalisten für eine ausgewogene Berichterstattung heute nicht vergessen, bevor sie die dringend notwendige Arbeit eines Wahrheitssuchers desavouieren.

Der Historiker Krogmann offenbart, dass der deutsche Faschismus bereits tief im Menschen angelegt war, bevor sich seine Macht kumulierte. Da liegt ein Schatten auf dem kleinen Ort: Seit Gründung der Künstlerkolonie "1889" gab es eine direkte Verbindung Worpsweder Kulturschaffenden zum deutschen Nationalismus. Ihr Kulturpessimismus mit seiner immanenten Ablehnung der Moderne (der sich u.a. in der totalen Negation der Demokratie ausdrückte) und ihre Begeisterung für den Kulturphilosophen Julius Langbehn (vgl. Strohmeyer, Artinger, Krogmann "Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos", 2000) waren wichtige Wegbereiter für die Ideologie der Nazis, dem absoluten Führerkult und dem Rassenwahn. - Worpswede als niederdeutsches Musterdorf, das der Erweckung des Landes entgegenblickte, sich den "heimlichen Kaiser" (vgl. Julius Langbehn "Rembrandt als Erzieher", 1890, der niederdeutsch mit arisch gleichsetzte) ersehnte und im "Juden" den Quell allen Unglücks sah ...
Die Schärfe, mit der der Historiker in Worpswede wegen seiner Arbeit so vehement attackiert bzw. beflissentlich absichtlich ignoriert wird, unterstreicht die Notwendigkeit, die Sichtweise auf das "verträumte" pittoreske Moordorf in seinem historischen Kontext zu revidieren.

Was beschweren sich Nachkommen Worpsweder NS-Kulturschaffenden, dass ihre Ahnen ins falsche Licht gestellt werden? - Die äußeren Fakten sprechen für sich! NS-Kulturträger wurden nicht gezwungen, regelmäßig an staatstragenden Veranstaltungen in vorderster Reihe teilzunehmen, in denen Faschismus und Führer gehuldigt wurden; in NS-Dichterkreise einzutreten; Lobeshymnen auf den Führer zu verfassen; Teppiche mit huldvollen Sprüchen zu weben; ... Wie viele Menschen wurden durch ihre schöngeistigen bzw. ideologischen Sendungen in den Kriegs- bzw. Lagertod getragen? Allein die Tat definiert den Mann und aus NS-Vergangenheit erwächst Verantwortung. Im Künstlerort zitiert man gern biblisch: "Wer ohne Schuld sei, der werfe den ersten Stein!" - Nur wenige Steine verändern hier ihre Lokalität (wenn sie nicht gerade zur Kunst deklariert und exportiert werden)!

Der Historiker benennt die Worpsweder Faschisten und ihre Fackelträger mit Klar-Namen und Funktionen innerhalb der Gemeinde bzw. des Landkreises und belastet sie mit Originalzitaten aus Zeitungen, Briefen bzw. künstlerischen Werken. Das "Who is Who" der lokalen Nazizeit erregte bei Erscheinen seines Buches großes öffentliches Ärgernis, da man Persönlichkeiten wieder erkannte, die heute noch huldvoll geehrt werden und Familien-Namen begegnet, deren Nachfahren sich in der Jetzt-Zeit zuordnen lassen.
In der Tat können sich heute die Gewesenen nicht mehr rechtfertigen und ihr damaliges Wort, Bild, Ton und Tun aus dem rechten Licht rücken und Einblick in ihre - wie auch immer geartete - Seelenwelt gewähren. Dass Faschisten gute Familienväter sein konnten, stellt Krogmann nicht zur Debatte. Dass sich ihre äußere Fassade anders darstellte als ihre innerliche Disposition, kann in Einzelfällen gemutmaßt werden. Dass sie nach 1945 zu authentischen Demokraten mutierten, darf allerdings grundsätzlich bezweifelt werden, blieb eine selbstkritische Aufarbeitung und klare öffentliche Distanzierung aus.
Stattdessen speist sich der "Mythos Worpswede" aus gut platzierten Geschichten aus dem Reich diffuser Halbwahrheiten: so sollen Nazis im Einzelfall Opfern Gutes gewährt haben. Etwa, dass ein honoriger Worpsweder SA-Stützpunktleiter einer ortsansässigen Jüdin heimlich Brot zugesteckt haben sollte. Kurios dabei, dass es für diese ungesetzliche Heimlichkeit Zeugen gab, die schließlich im Entnazifizierungsverfahren schriftlich bezeugten und den Nazi entlasteten (die jüdische Mitbürgerin konnte den Belasteten nicht direkt gefällig sein, sie wurde vorher deportiert und ermordet). Worpswede ist geübt darin, Legenden zu spinnen und Ferdinand Krogmann demontiert sie mit einer beflissentlichen Penetranz.

Worpsweder behaupten immer wieder gern, dass die Nazi-Zeit doch längst umfänglich bearbeitet worden sei, um die kritische Selbstschau zu blockieren und den dringend notwendigen Prozess der Aufarbeitung zu verhindern. Die Geschichte zu verstehen ist Voraussetzung dafür, dass sie sich nicht nur nicht wiederholt, sondern auch, dass verantwortlich in der Gegenwart politische Entscheidungen getroffen werden können. Wie sonst ist es zu erklären, dass nach 1945 im Ort deutsche Faschisten aus der NS-Zeit immer wieder Mal mit der Benennung von Straßennamen geehrt werden? Oder etwa, dass bislang nicht einmal die Notwendigkeit gesehen wird, die einzige Ehrenbürgerschaft Worpswedes, die des niederdeutsch-nationalen Malers Mackensen, aufzuheben. Dies birgt Sprengstoff für das öffentliche Begängnis zum 150. Geburtstags 2016 des strammen Ehrenbürgers.

Inzwischen sind Krogmanns Forschungsergebnisse im Ort angekommen - auch wenn seine Werke im Bücherregal der Tourist Information nach wie vor konsequent ignoriert werden.
Wer sich heute glaubwürdig mit dem Thema befasst, nutzt die Forschungs-Ergebnisse der detailreichen Recherche des Historikers: "Worpswede 1933-1945" ist das Standardwerk zum Worpsweder Faschismus!
Wie etwa Anning Lehmensiek in ihrem Buch "Juden in Worpswede" (erschienen 2014), das die Geschichte der Opfer beschreibt. Sie zeigt die tragischen Lebensgeschichten jüdischer Mitbürger im Künstlerort, benennt jüdische Familien, erzählt ihre Lebens- und Todesgeschichten und durchbricht damit dass "Kartell des Schweigens". Ihr Buch ist ein narratives Denk-Mal: Den Worpsweder Faschismus hat es wirklich gegeben. Die Opfer litten unsäglichen Schmerz, erfuhren Hilflosigkeit, Verzweiflung und Todes-Angst. Lehmensiek's Opferbuch untermauert Krogmanns Täterbuch, da es beim Lesen stetig die Frage nach den Tätern impliziert! Verharmlosungsversuche, wie etwa Behauptungen, die SA sei doch überhaupt kein so schlimmer Verein gewesen, werden radikal ad absurdum geführt. Wer Krogmanns konsequenten Fokus auf die NS-Täter nachvollziehen möchte, sollte unbedingt "Juden in Worpswede" lesen und sich dann um die Bewertung des Historikers ein eigenes Bild machen!
Mit dem Mitgefühl für die Opfer lässt es im Künstlerort sich leichter umgehen als mit der ohnmächtigen Schuld gegenüber den Tätern. Dies mag der Grund dafür sein, weshalb Anning Lehmensiek bei der Veröffentlichung in der Ratsdiele Worpswede durch die Offiziellen des Ortes gewürdigt wurde.
Wie etwa die diesjährige Jubiläumsausstellung "Mythos und Moderne": Zum 125. Jubiläumsjahr zur Entstehung der Künstlerkolonie fand erstmalig im Ort eine zaghafte kritische Selbstschau statt, bei der die Biografien von Mackensen, Hoetger und Vogeler beispielhaft dargestellt wurden. Im Ausstellungskatalog wird Krogmann's Standardwerk von den Bremer Kuratoren häufig zitiert, die - mit ihrem Blick von außen - es endlich offiziell wagen dürfen, den NS-Maler Mackensen vom Ehrenbürger-Sockel zu stoßen. Doch dieses Bauernopfer ist zu schwach, um tiefgehende Kritik an das NS-Künstlertum im Ort vorzubringen. - Wie wird es nun nach diesem behutsamen Anfang mit der Aufarbeitung weitergehen?
Konkretes Ergebnis von Krogmanns Arbeit - auch wenn dies offiziell niemand zugeben würde - war 2013 die Benennung des Rosa-Abraham-Platzes im Ort, einer jüdischen Worpsweder Mitbürgerin, ein Opfer also, das deportiert und vernichtet wurde.

Autoren wie Krogmann und deren persönlicher Mut ist es zu verdanken, dass Geschichte nicht unter den Teppich des kulturellen bzw. politischen Alltags gekehrt wird. Bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte unseres Landes geht es längst nicht mehr um Schuldzuweisungen oder Anprangerung: es geht um den Prozess der Vergebung. Wenn wir letztendlich unsere Geschichte radikal akzeptieren, gewinnen wir das Potential, im Jetzt frei zu sein.
Ralph Giordano schreibt in seinem Buch "Die zweite Schuld - Oder von der Last, Deutscher zu sein" (1987) von seiner Hoffnung, dass die Enkelgeneration der Nazis den deutschen Faschismus endlich nachhaltig aufarbeiten könnte. Das sind wir! Und Krogmanns Buch hilft uns, unsere Vorfahren aus jener Zeit klar zu sehen.
Nach der alten Erfahrungswissenschaft der indischen Yogis hat unser Tun karmisch Auswirkungen auf sieben Generationen: Wir leben jetzt in der 3. Generation danach. Jeder Nachfahre eines NS-Täters (und das sind auch in Worpswede mehr als man zugeben möchte) kann die Wirkungen dieses Gesetzes auflösen, indem er bedingungslos Verantwortung für die Geschichte seiner Vorfahren übernimmt und authentisch empfindet: "Entschuldigung, es tut mir leid, ich bedauere zutiefst das begangene Unrecht meiner Ahnen und empfinde tiefes Mitgefühl für die Opfer!" - Dies würde nachhaltig einen Prozess der radikalen Heilung bewirken!
Worpswede könnte anstelle eines vermufften Museumsdorfes mit eingemotteter Selbstrechtfertigungs-Leierkasten-Mentalität und seiner braunen Sumpf-Malerei ein farbenfroher Ort werden und irgendwann seiner lebendigen Gegenwart begegnen - die es z.Zt. mit viel Aufwand versucht, in ein Museumsdorf einzusperren - und Zukunft gestalten.

Herr Krogmann: Vielen Dank für Ihre Arbeit und Zivilcourage!
Das Lesen Ihres Buches macht es zwar nicht leichter, im Hier und Heute zu Leben - aber es macht es ehrlicher!

Andreas Rico Schweter
Worpsweder Bürger

 

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Sie könnten es natürlich auch im Buchladen in der Findorffstraße 17 erwerben, dort ist es in der Regel sogar vorrätig! 

 

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0 # Andreas Rico Schweter 2015-03-12 09:15
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